Die frühen Jahre

Ninth Legion

Ninth Legion

Ich war dreizehn Jahre alt, als ich mich mit Michael Robertson zusammen tat. Wir waren in einer Klasse in der Portobello Gesamtschule in Edinburgh. Bis dahin hatte ich nur meinen Bruder mit meiner Musik genervt. Michael und ich fingen sofort an Lieder zu schreiben. Wir entwarfen phantastische Bilder von dem Lebensstil, den wir bald haben würden, sie drehten sich zumeist um Frauen und Geld – mein Bruder erwartete eine Entschädigung in Form einer Villa in Spanien mit Schwimmbad und Jacuzzi. Er wartet immer noch.

Ich kaufte meine erste Gitarre bei Woolworths. Optisch hatte sie alles, was man von einer Gitarre erwartete, aber sie funktionierte nicht wirklich wie eine Gitarre. „Woolies“ war durchaus in Ordnung, wenn man Süßigkeiten kaufen wollte. Ich erinnere mich, wie ich das traurige Gerät zu einem Musikgeschäft mitnahm, um meine zweite Gitarre zu kaufen:

„Wenn du Fleisch haben willst, kauf es beim Metzger, mein Sohn.“ Ein guter Rat. Hätte ich eigentlich befolgen sollen, aber die Jugend hat ihren eigenen Plan.

Michael, der mehr Geschmack und mehr Geld hatte, besorgte sich eine zwölfsaitige Yamaha. Das war eine herrliche Gitarre. Wir verbrachten endlose Stunden damit, Songs über Harlekins, höhnende Königinnen, zugefrorene Ozeane, unsterblichen Krieger, angemalte Damen, Raumschiffkapitäne, die die Ewigkeit durchqueren, und gebrochene Philosophen zu verfassen und in allen war irgendwo ein Em9 Akkord.

Michael trug unbedachterweise noch zu unseren Irrtümern bei. Er kaufte ein Mikrofon und Ständer. Es ist eigentümlich, wie das Vorhandensein von technischer Ausrüstung die angeborene Intelligenz besiegt. In kürzester Zeit hatten wir unseren ersten Auftritt in einem Bergarbeiterclub bei Bilston Glen klar gemacht, später der Ort großen Kummers im Rahmen des Bergarbeiterstreiks, in unserem Fall nur die Szenerie für eine kleinere Tragödie.

Der Plan war folgendermaßen: Wir gewinnen den Wettbewerb, kaufen noch mehr Ausrüstung mit dem Preisgeld und wenn man uns dann nicht in aller Eile unter Vertrag genommen hat, erstürmen wir irgendwie die Spitze.

Wir nannten uns „Ninth Legion“ nach den unglückseligen römischen Soldaten, die irgendwo in Kaledonien spurlos verschwanden. Vielleicht hätten wir jemanden dazu kriegen sollen, den Flug des Adlers für uns zu lesen. Das Omen wäre vielleicht ähnlich prophetisch gewesen.

Es ist erstaunlich, wie die Zeit Wunden heilt. Ich erinnere mich noch an den Schweiß im Ankleideraum, an die Wasserstoffblondine, leicht mollig, im weißen Anzug, deren Stimme draußen auf der Bühne ein gerade mal passables „Country Roads“ wiedergab. Der Typ, der aussah wie John Denver, Gitarre / Verstärker, Jeans, völlig gleichgültig, der „Them Old Cotton Fields“ sang.

Vielleicht hätten wir das als Hinweis verstehen sollen. Im Speisesaal des allgemeinen Geschmacks war nur ein winziger Tisch reserviert für Songs über die Geister von verlorenen römischen Legionen, die auf Traumständen mit jemanden aneinander geraten. Es gab dort aber einen Türsteher, der arrogante, unerfahrene Jungen rausschmiss.

Man kann nicht sagen, dass wir auf den letzten Platz kamen. Es gibt noch Kategorien darunter für Leute, die ihre Eltern zu ihrem ersten Auftritt einladen. Meine Mutter und mein Stiefvater waren dort. Man muss bedenken, dass meine Mutter mit einem der besten Musiker von Edinburg verheiratet gewesen war. Ich bin mir sicher, dass sie einen Funken angeborenes Talent erwartete, vielleicht gemischt mit etwas Naivität, aber zweifellos erwartete sie eine kompetente, unterhaltsame Vorführung. Tödliches Schweigen, fassungslose Gleichgültigkeit, überwältigende Scham und Erniedrigung waren ihr überhaupt nicht in den Sinn gekommen.

Die ruppigen Bergleute machten mit ihrer rustikalen Ausdrucksweise zurückhaltende Kommentare über unsere Vorführung in Worten, die meine Mutter bis heute nicht kennt. Wie Petrus verleugnete sie mich dreimal. Sie redete nie viel darüber, aber es ist mir schon aufgefallen, dass sie 33 Jahre lang keinen meiner Auftritte besuchte.

Unerschrocken suchten wir Trost durch zahlenmäßige Zunahme.

Lazy Daze

Nicky Arkless wohnte am Strand von Portobello, einst ein Mekka für Touristen aus Glasgow, jetzt ein verlassenes Ödland, hauptsächlich bevölkert von benutzten Kondomen und Abwässern. Dort gab es einen kleinen Jahrmarkt. Ray Bradbury hätte dort ein, zwei seiner Erzählungen spielen lassen können. Wenn er das getan hätte, hätten sie sich unter den Nickys Horrorcomics befunden, die zweifellos ein Grund für seinen schwarzen Humor waren. Nicky hatte lange Haare und eine kleine Ansammlung von Trommeln, die sich später wie ein Virus so verbreiteten, dass sie ganze Ballsäle hätten versorgen können. Wenn Nickys Trommeln sich hätten selbst vermehren können, würde die künftige Welt nicht von Ameisen sondern von winzigen Hi-Hats und Becken regiert.

Wir teilten nicht nur eine Vorliebe für Jeansjacken sondern auch für Michael Giles, den Schlagzeuger von King Crimson. Nicky war zweifellos ein talentierter und einfallsreicher Trommler. Er liebte Heavy Metal und schien unseren Enthusiasmus für zum Untergang geweihte Raumschiffe und zugefrorene Ozeane zu teilen. Plötzlich klangen wir wie eine Band. Aber eine Band, die einen Bassgitarristin brauchte. Mit der Zuversicht der Jugend überredete ich die anderen meinen besten Freund Kenny Dalgleish aufzunehmen. Er hatte noch nie einen Bass gespielt und besaß auch keinen: Kleine Fische für junge Enthusiasten.

Wir änderten den Namen der Band zu Lazy Daze, bauten einen Raum in Nickys Keller zum Proberaum um und verlegten uns auf Gemeindesäle. Wir hatten sehr früh den Hall entdeckt und ergänzten den Effekt mit einer nachgeahmten Echomaschine. Später kauften wir noch silberne Anzüge, Stroboskoplichter, Scheinwerfer, ein komplettes Beschallungssystem und genug Rauchbomben, um eine kleinere Revolution zu starten. Und Verstärker in orange – Michael liebte diese Farbe.

Die Maschine sah so aus und klang absolut fantastisch. Es ist erstaunlich, wie ein klein wenig Band, das in einer Maschine herumläuft, Laute machen kann wie eine billige Marsraumfähre.

Der orangene Verstärker sah irgendwie so aus nur orangener. (Wenn das kein Wort ist, sollte es eins sein). Vielleicht hatten wir auch zwei von diesen herrlichen Dingern. Andy Warhol hätte sie auf seinen Kaminsims gestellt, wenn er von ihnen gewusst hätte.

Eine ganze Weile später wurden wir in einer Fanzeitschrift beschrieben als „David Bowie trifft Yes“, eine fröhliche Mischung aus meinem Bowie Einfluss (Metal mit Lippenstift) und dem technischeren schweren Zeug von Michael und Nicky. An dem Punkt fingen wir an, Demobänder aufzunehmen. Wir sprachen immer noch über Zeitkrieger, gefrorene Meere und verlorene Raumfähren. Demis Rouses Keyboarder war unser Toningenieur. Na, ja, sein Vater war der Ingenieur, aber er hörte sich das Zeug an. Er meinte, wir wären sehr gut und half uns später noch mit einigen sehr ordentlichen Aufnahmen, die trotz unseres unnachahmbaren Übervertrauens an Berühmtheit durch Osmose nie ein Zuhause außer unseren Schlafzimmern gesehen haben.

Unglücklicherweise schien unsere Karriere wie bei Orson Welles rückwärts zu laufen. Wir schickten die Aufnahme nie irgendwohin. Wir lebten in dem Glauben, dass wir von einer großen Gesellschaft entdeckt würden. Es war uns nicht klar, dass wir nicht über kulturelles Kapital, Straßenglaubwürdigkeit verfügten und keiner von uns besuchte eine Kunsthochschule. Fatale Irrtümer im Musikgeschäft. Immerhin wurde mir ein Vertrag als Songschreiber angeboten. Ich schlug ihn aus zwei Gründen aus – erstens wollten sie die Band nicht und zweitens fühlte ich sogar als naiver Jugendlicher, dass ein Deal, in dem es nicht um Geld oder Verpflichtung seitens der Firma ging, vielleicht nicht ganz ohne Fehler war.

Zwei Freunde von mir, Davie Campbell und Bruce Livingstone, drängten mich in einen Talentwettbewerb. Sie werden bestätigen, dass sie aus purer Kameradschaft meinen Namen aufschrieben, so dass ich an einem bösen Samstagabend in einem Club in Edinburg singen musste, der die gleiche Einstellung zu Gefangenen hatte wie Blüchers Preußen bei Waterloo. Obwohl ich betrunken war und die Clubs eigentlich schon im Alter von dreizehn Jahren als hoffnungslos hinter mir gelassen hatte, trieb mich mein Ego auf die winzige Bühne. Es war Harvey’s Club auf der Lothian Road, wo harte Türsteher, junge Schläger (das waren nur die Damen) und Soulfans verkehrten. Man erzählt sich, dass Bruce Springsteen einmal nach einem Auftritt in dem Club war, aber er kam mir nicht zu Hilfe. Ich verlor gegen den schlechtesten Elvis Imitator von ganz Schottland, aber der Geschäftsführer mochte meine jugendlichen Verrenkungen. Er nahm die Band unter Vertrag, und plötzlich spielten wir überall. Das heißt wir spielten als Moondust in dem berüchtigten West End Club und ein paar Kneipen.

Moondust

Unser erster Kneipenauftritt war in The Yellow Carvel, die später eine passable Session ihr Eigen nannte, die zahlenmäßig, wenn nicht in geschichtlicher Berühmtheit, mit Sandy Bell’s vergleichbar war. Wir erstürmten sie. Im Rückblick, denke ich, waren wir vielleicht sogar gut. Wir erwarben eine spontane Gefolgschaft von langhaarigen Bikern – zweifellos wie Motten angezogen von Nickys Schlagzeug und ähnlicher Haartracht. Leider zog sich jemand in der Toilette Heroin rein. Wir bekamen die Schuld zugeschrieben, obwohl wir immer noch glaubten, dass eine Nadel das war, mit dem unsere Mutter zu Hause die Löcher in Jeans reparierte. Der Geschäftsführer schmiss uns raus.

Aber das ist lange her. Jetzt waren wir über sechzehn und spielten mit den großen Jungs. Oder es waren zumindest die großen Türsteher, die unser Leben im West End Club in der Hand hatten.

Ich bekam den Auftritt im West End Club durch den Frisör des Freundes meines Bruders – im Wesentlichen waren wir billig und laut. Es war nicht gut, dass wir nur vier Cover Versionen spielten: ‚Jumping Jack Flash‘, Stones, ‚Man of the World‘, Fleetwood Mac, ‚Hang on to Yourself‘, David Bowie und die vierte verrate ich niemandem. Das war ein Nachteil in einem Club, der mehr als einhundert Anklagen wegen tätlichen Angriffs in einem Jahr ansammelte, wo die Matrosen sich mit den Soldaten schlugen und oft knapp gegen die Türsteher verloren. Während die ordentliche Kenntnis der aktuellen Top Forty Hits gereicht hätte, um Schläge zu vermeiden, hätte ein immenses Repertoire von Soulklängen und zwölf Roxy Klassiker sogar vielleicht Applaus von jemanden, der unjahreszeitgemäß betrunken war, hervorgerufen.

Die Betonstufen an der Hintertür trugen Blutspuren. Drei kleine Anekdoten sollten reichen.

1. Anekdote

Wir fangen an zu spielen; der Tanzboden leert sich. Der Geschäftsführer erscheint innerhalb von drei Sekunden -„sorgt dafür, dass sie tanzen oder verschwindet von der verfluchten Bühne“. Ich springe von der Bühne und beschreibe wilde Kreise, mit Bewegungen wie ein verzweifelter Akrobat. Sie tanzen aus Mitleid.

2. Anekdote

Nicky trägt normalerweise chirurgische Handschuhe, um das Chrom auf seinem Schlagzeug zu schonen. Wie viele Schlagzeuger ist er besessen von seinen Instrumenten. Er gibt sein ganzes Geld für sie aus. Niemand außer ihm darf sie ohne schriftliche Erlaubnis bewegen, an ihnen riechen oder sie berühren. Verbale Warnungen gehen an alle, die nur so aussehen, als ob sie ihre Hilfe anbieten wollen. „Soll ich dir helfen“ sagte ein Türsteher. Er nimmt ein Tomtom auf und wirft es auf die Bühne. Es prallt dreimal auf. Nicky sagt nichts.

3. Anekdote

Ein paar Wochen später gehen mitten im zweiten Teil unseres Auftritts die Verstärker aus. Kein Sound mehr. Ein Türsteher kommt zu uns herüber. Er ist so groß, dass er mit mir auf gleicher Höhe ist, obwohl ich auf der Bühne stehe.

„Ich war das“, sagt er.

„Sehr gut“, sage ich, „könntest du uns einen Gefallen tun und das rückgängig machen?“ Eine Stunde später klopft es an der Tür unserer Garderobe. (Zu diesem Zeitpunkt benutzten wir die Toiletten nicht mehr aus Angst vor Läusen und kamen auch aus schierer Angst während der Pausen nicht aus der Ankleide.)

In dem winzigen Türrahmen steht der Türsteher. Er ist so groß, dass wir in totale Dunkelheit getaucht werden. „Du“, er zeigt mit einem Riesenfinger auf mich, „Sollte das eben ein Witz sein?“ Ich denke an die Geschichte, die er vorher erzählt hatte über einen unschuldigen Besoffenen, den er krankenhausreif geschlagen hatte. Mit einer Stimme, die stark an Mickey Mouse erinnert, finde ich die Kraft ein verzweifeltes „Nein“, zu quietschen. Noch habe ich ein wenig Angst, dass dieser Riese dies lesen und mir einen Besuch abstatten könnte.

Nach einer Rekordserie von Tätlichkeiten wurde der West End Club schließlich geschlossen. Er wurde zu der berüchtigten Schwulendisko, Fire Island. Warum ist das Ironie, irgendwie was mit Yin und Yang?

The Androids

Wir brauchten einen Übungsraum. Zu einem späteren Zeitpunkt haben wir in Nickys Keller einen gebaut. Zu dieser Zeit waren wir in einer Art Vorhölle unter den Brücken, nicht weit vom Yellow Carvel Pub.

Die Ankunft des Punk Rock brachte Hunderte von Bands hervor. Die meisten von ihnen waren in diesem feuchten, Ratten und Punkmusiker verseuchten Fegefeuer. Es gab eine Disko, die „Everybody’s“ hieß, von einem einsichtigen Musiker in „Nobodies“ umgetauft. Es gab großartige Bands dort. The Freeze, The Flowers, ich glaube, The Cheetahs waren auch dort. Es waren mindestens sechzig Bands. Dies war die Blütezeit des Punk Rock 1978 (er brauchte zwei Jahre um Schottland zu erreichen). Manche dieser Bands hätte es vielleicht geschafft, wenn sie nicht vorher an Unterkühlung, Rattenbissen und Krankheiten gestorben wären.

Ich erinnere mich an ein Treffen unserer Band. Wir mussten wegen der Ankunft des neuen Punks eine Entscheidung treffen.

Die Raumfährenkapitäne mussten das untergehende Schiff des experimentellen Heavy Metal verlassen. Die Harlekine mussten aufhören die Grande Meulne Party zu suchen und sich Mohikanerfrisuren zulegen. Was sollten wir machen? Die Abstimmung war ausgeglichen. Kenny and ich wollten auf den fahrenden Zug aufspringen. Michael und Nicky wollten weiter Heavy Metal bleiben.

„Aber wenn wir das tun,“ sagte ich, „dann geht es uns so wie diesen Hoffnungslosen oben, Marillion, oder wie sie heißen.“ Der Rest der Jungen hätte die Namen in Erwägung ziehen sollen, die mir für die Band eingefallen waren und mit ein wenig Vernunft und Geschmack hätten sie sie verwerfen sollen. Michael und Nicky kapitulierten.

The Androids waren geboren. Vielleicht sollte ich lieber gemacht sagen, denn ein Android ist ein organischer Roboter wie jeder guter Sciencefiction Fan weiß. Er ist meist liebesunfähig, und das war das Schlüsselproblem unserer Lieder. Android Attack, Robot Riot, Strangers from Venus, Communication Breakdown, Metropolis. Großartige Titel, aber ihnen fehlte der Anreiz für die Mädchen. Wir gingen es mit Vehemenz an. Blaue Haare, Lederanzüge, silberne Anzüge, Anzüge jeder Farbe so lange sie glanzvoll oder böse aussahen. Es gab Buttons, Poster, stroboskopische Lampen, Spotlights, Rauchbomben, eine riesige Lautsprecheranlage.

Wir spielten jetzt in Unis und Colleges. Ich nahm Unterricht in Pantomime, um meine Bühnenpräsenz zu verbessern. Nicky war von Trommeln umgeben. Michael hatte Darth Vaders Ankleider vorerahnt. Ich kaufte in der Mädchenabteilung bei Wallis ein und trug ausgefallene Catcher Boots (zum Glück gibt es davon keine Fotos). Durch die Pantomimegesellschaft hatte ich die Schwulenszene in Edinburg kennen gelernt. Als einer von zwei Heteros in einer schweigenden Theatergruppe bestehend aus sechzehn glücklichen Menschen hielt ich mich für den neuen Lindsay Kemp. Später ging mir auf, dass ich nur gefragt war, weil ich in einem silbernen Suspensorium die Blicke auf mich zog. (Die schottische Kirche belegte unsere Pantomime mit einem Bann: Querelle war ein wenig kontrovers)

Jetzt kannte ich Leute, die schon eine Modenschau in New York gemacht hatten, die mit David Bowie gearbeitet hatten. Michael besuchte Partys, wo Leute waren, die einmal berühmt, berüchtigt, anrüchig und einflussreich werden sollten. Kenny sprach mit coolen Musikern und bewegte sich in dem winzigen Publicitypool, der Edinburgs New Wave Szene darstellte. Nickys Trommeln hatten einen chinesischen Gong hervorgebracht. Irgendwann musste einfach eine große Schallplattengesellschaft einschreiten und den Vertrag besiegeln.

Auf dem Weg dahin gab es Ereignisse. Störfälle wäre vielleicht das bessere Wort. Ein skrupelloser Geschäftsführer zerstörte unsere Anlage in der Universität Dundee, nachdem die Squibs angestürmt waren. Wir leerten die Universität von Edinburg, weil wir ein Flughafen Rauchsignal abschickten. (Ich sehe sie immer noch in Richtung Tür flüchten). Meine Gitarre fiel gerade auf den Boden, als wir mit unserem größten Auftritt anfangen wollten. Ich hätte so tun können, als ob das Absicht war, aber dann hätten wir nicht weiterspielen können. Wir verloren unser ganzes Geld, den Wagen und unsere Würde im Moray House College, als der DJ abhaute. The Exploited unterstützten uns bei Harvey’s aber wir zogen uns zurück, als die Promoter uns in Bezug auf die Anlage versetzten. (Man bedenke The Exploited sind bis heute eine erfolgreiche Band. Unglücklicherweise hatten wir Prinzipien).

Aber es gab auch großartige Augenblicke.

Kenny war ein innovativer Bassspieler geworden, der sowohl hypnotische zugkräftige Bass-Riffs als auch starke melodische Zeilen konnte. Noch wichtiger, er war offen und freundlich. Er überredete Bruce Findlay, den Manager der „Simple Minds“ eine Probe zu besuchen, wodurch die Band Auftritte mit den Kultbands „The Fall“, „Doll by Doll“ und „Robert Fripp“ angeboten bekam. Er beschaffte uns Interviews und Radioauftritte bei Radio Forth und Rezensionen in verschiedenen Zeitschriften.

Wir brachten eine Single heraus. (Für die Jüngeren unter euch: das ist eine flache schwarze Scheibe mit einem Loch in der Mitte. Singles kamen nach den Wachsabdrücken und der Flapperwelle [flapper – 20er Jahre siehe Wikipedia – die Übers.]) Es war eine Single mit zwei A-Seiten, aufgenommen im Ca Va in Glasgow.

Wir hatten damals gerade einen seltenen Kleinod gefunden – einen Keyboardspieler. (Wir hatten schon mal einen, einen herrlichen Hippy, der auch tanzen konnte, aber er hatte sich zur Ruhe gesetzt). David Connelly war laut eigener Aussage kein großartiger Keyboardspieler, aber er war groß, sah gut aus und hatte ein Keyboard. Es fing an, auf der Bühne wie Science-Fiction zu klingen und auszusehen.

Promoter begannen, Interesse an uns zu haben. Wir machten die alte Bay City Roller Runde. Dazu gehörte das Bereisen der Außenbezirke von Edinburg, wo wir auf junge Leute trafen, die immer noch karierte Hosen und Pullover mit Sternchen trugen. Man kann diese Dorfhallen einfach nicht umgehen. Die Jugendlichen tendierten dazu uns en masse anzugreifen, wenn wir ein wenig Aufmerksamkeit von ihren Freundinnen kriegten.

Einmal sahen wir ein bewusstloses Mädchen über der brennenden Disko hängen, während die Polizei vergeblich versuchte, den Aufruhr zu schlichten. Ein anderes Mal wurden wir auf der Bühne angegriffen. Wie der Mann in einer einzigen Bewegung hochsprang, um mich mit dem Kopf zu rammen, bleibt ein Mysterium der betrunkenen Aufsässigkeit. Iain Brown, unser Mann für den Sound, rettete mich, indem er den Jungen von der Bühne stieß. Leider kam das in der Öffentlichkeit so an, dass wir nicht die Freunde seiner Freunde waren. Die Band überlebte dadurch, dass sie sich vier Stunden lang in einem Schrank versteckte, nachdem sie sich kämpfend durch den Veranstaltungsort geschlagen hatte.

Die Songs wurden besser. Die Band schrieb einen Song der ‚Stranger in Strange Land‘ hieß. Noch heute kann ich ihn mir anhören und ihn toll finden. Meistens hatte ich die Songs angefangen, aber das war die erste wirkliche Zusammenarbeit der Gruppe. (Andere Bandmitglieder schrieben Songs, aber dieser fühlte sich an wie unser Baby). Meine Rolle beschränkte sich auf die Texte und ein paar Schreie. Nicky durfte endlich eine 5/4 Schlagzeugeinlage bringen. Zurückschauend war es der beste Song, den wir gemacht haben, wahrscheinlich weil wir endlich eine Band geworden waren. Leider kam er zu spät.

Die Lautsprecheranlage wurde zu schwer, Kenny und Nicky weigerten sich, sie zu tragen. Wir beschuldigten David zu laut zu spielen. Er verließ die Band im Streit. Wir schusterten noch ein wenig weiter und merkten nicht, dass David der Sündenbock für unseren Untergang, den wir alle fühlten, war. Wir hatten zusammen die Schule besucht, wir hatten endlos geübt, Hunderte von Auftritten und ein paar gute Chancen gehabt. Wie bei einer Million Träumer war es nicht genug.

In einem Cafe im verlassenen Portobello ging es zu Ende. Nicky und Michael wollten Musik machen. Sie hatten genug von New Wave. Kenny und ich waren begeistert. Es war wie eine Scheidung: seltsam, traurig, aufregend. Aber hauptsächlich hatten wir das Gefühl, wir wären aus Alcatraz ausgebrochen. Nicky und Michael fühlten wahrscheinlich genauso. Keiner von uns realisierte, dass deine erste Band so etwas wie eine erste Liebe ist. Sie spukt in deinem Gedächtnis, wird nie ersetzt, wird idealisiert und irgendwo im Dunkel deiner Fantasie immer noch geliebt.

Nicky Arkless: Schlagzeug

Schloss sich Holocaust an und nahm mindestens eine LP auf. Er spielt immer noch Schlagzeug. Zuletzt hörte ich, dass er in einer Unterhaltungsband spielt.

Michael Robertson:Leadgitarre/Gesang

Schrieb weiter eigene Sachen im Edinburgh Songwriters Club. Er nahm eine sehr gekonnte CD auf und produzierte anschließend genauso gekonnt andere Songwriter.

Kenny Dalgleish: Bass/Gesang

Gründete seine eigene Band, starb aber kurz darauf im Alter von dreiundzwanzig Jahren. Wir vermissen ihn.

David Connelly: Keyboard

So weit ich weiß, machte er Kabarett und spielte später bei Tactyx, einer Band wie Camel und Focus.

Craig Herbertson: Lead Gesang/Rhythmusgitarre

Versuchte es immer weiter.

Dies sind meine persönlichen Ansichten und Erinnerungen. Ich bin bekanntermaßen geistesabwesend und vage und habe wahrscheinlich manches falsch aufgeschrieben. Wenn ja, entschuldige ich mich. Bitte verbessert mich. Wenn jemand hier etwas zufügen oder weg haben will, lasst es mich bitte wissen.

Craig Herbertson